Teil eines Werkes 
1. Band (1858)
Entstehung
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ſie: Wie haſt du uns das thun können mit deinem unſchuldigen Antlitz? Sie gab nichts zur Antwort, als Heim! Den her⸗ beieilenden Behörden geſtand ſie ihr Verbrechen mit leiſem, de⸗ müthigem Kopfnicken. Das Sonderbarſte iſt, daß bald, ja gleich nach der That eine völlige Verwandlung mit ihr vorging. Gegen die Gefangenſchaft, gegen die Einſamkeit des Kerkers hatte ſie gar keinen Widerwillen. Nach den Ihrigen hatte ſie keine Sehn⸗ ſucht mehr; auch kam keines von ihnen zu ihr, ihr Vater ver⸗ ſtieß und verfluchte ſie. Der ſelige Herr Hauptprediger hat nachher oft geſagt, es ſei ein merkwürdiger Geiſt in dem Mäd⸗ chen geweſen, der nach dieſer That der Finſterniß auf einmal zum hellen Tag erwacht ſei. Sie habe nicht nur ihr Verbrechen vollkommen erkannt und bereut, ſondern auch über viele andere Dinge klar, vernünftig und wie mit einer Erleuchtung geſprochen. Ihm ſelbſt ſei durch dieſes Mädchen Manches klar geworden, was er früher nicht begriffen oder an was er gar nicht gedacht habe. Dies ſagte er häufig, aber er ſprach ſich nicht näher darüber aus. Nur das erzählte er, daß ſie gegen ihn geäußert habe, ſie erkenne nun deutlich, was es mit ihrem Heimweh ge⸗ weſen ſei.

Was iſt ihr geſchehen? fragte ich leiſe und ſtockend.

In ihrer Kindheit ſchon, ſagte das alte Weib, als ſie ein⸗ mal wegen eines kranken Schafes zum Scharfrichter geſchickt wurde, ſoll ſein Schwert von ſelbſt nach ihr gezuckt haben. So ſagte man; ich weiß nicht, ob es wahr iſt; aber die Herren vom ge⸗ heimen Collegium müſſen es gewußt haben, denn die machten eine Wahrheit draus.

Das war die Regierung und zugleich das Blutgericht, ſagte der Buchdrucker und nickte bedeutend mit dem Haupte.

Ich blickte nach dem ſteinernen Bau und ein unheimliches Licht begann mir aufzugehen. Die Alte, die auf den Stufen