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Raphael : eine Liebesgeschichte / von Alphonse de Lamartine ; deutsch von Dr. Scherr
Entstehung
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erkannte ich Raphael doch. Wenn ſein Geſicht auch die Jugendfriſche verloren, ſo hatte es doch ſeinen Charakter nicht verloren und ſeine Schönheit nur gewechſelt, indem es jetzt die Schönheit des Todes in ſeinen Zügen trug. Rembrandt hätte keinen andern Typus zu ſeinem Chriſtus am Oelberge geſucht. Seine ſchwarzen Haare wallten in Locken über ſeine Schultern herab, wie die eines Land⸗ mannes nach der im Schweiße vollbrachten Tages⸗ arbeit. Sein Bart war lang, aber mit einer natürlichen Symmetrie geordnet, welche den an⸗ muthsvollen Schnitt der Lippen zeigte und das edle Oval der Wangen, die Bogenwölbung der Augen, die fein ausgeſpitzte Naſe, die den Denker verrathende Hohlründung der Schläfe und die Weiße der Haut hob. Sein auf der Bruſt oöffenes Hemd zeigte einen fleiſchloſen aber muskeligen Oberleib, welcher ſeiner Geſtalt etwas Majeſtäti⸗ ſches verliehen hätte, wenn ſeine Schwäche ihm erlaubt haben würde, ſich aufzurichten.

Er erkannte mich auf den erſten Blick, that mit ausgeſtreckten Armen einen Schritt vorwärts, um mir entgegenzukommen und mich zu umarmen, ſank aber auf das Bett zurück. Ich lief auf ihn zu. Anfangs weinten wir, dann fingen wir an zu plaudern. Er erzählte mir ſeinen ganzen Lebenslauf und wie das Schickſal oder der Tod ſtets, wenn er eine Blume oder eine Frucht ſeines Strebens zu pflücken wähnte, ihm dieſelbe vorher entriß; den Tod ſeines Vaters, den ſeiner Mutter, den ſeiner Frau und ſeiner