Druckschrift 
Lebensbilder / von Christoph Kuffner
Entstehung
Einzelbild herunterladen

22

geſetzten Pole. Lieb' ich, ſo geh ich meiner Auserwähl⸗ ten wie ihr Schatten nach, und meine Zärtlichkeit läßt ihrem Ohre keinen freyen Augenblick.

»Du meideſt dagegen ängſtlich jeden Ort, wo du ihr auffallen könnteſt, und ſprichſt nur, von der noth⸗

wendigen Höflichkeit gezwungen, über gleichgiltige Dinge.

Ich denke wenig an meinen Ornat, ſondern einzig an meine Göttinn, und bey mir iſt nie etwas in Gala, als das Herz. Du aber kleideſt dich ſchön und zierlich, wie ein Bräutigam, und läßt dich dabey ſo wenig ſehen, als ob du nur dir ſelbſt oder dem Himmel Gala mach⸗ teſt. Hör' einmahl ſo gehts nicht! Du wirſt auf die Art ein alter Junggeſell und gehſt aus der Welt, wie du hineinkamſt. Will man den Mädchen gefallen, ſo iſt vor Allem eine gute Doſis Muth nöthig, und eine noch größere von Geduld und Unbefangenheit. Man muß ihnen, ſo viel es nur ſchicklich iſt, immer vor den Augen ſtehen, um jede günſtige Gelegenheit zu ergrei⸗ fen; denn was uns Zeit und Zufall biethen, kann keine Klugheit der Welt bewirken. Höre alſo: Du biſt in der Liebe noch unmündig, ich will dein Vormund wer⸗ den. Gib mir die verſiegelte Urkunde deiner Zärtlich⸗ keit! Ich will dir den Liebesdienſt erweiſen, und ſie ſelbſt der erſten Inſtanz, der zärtlichen Grazie deiner Venus, überreichen.

*