Druckschrift 
Lebensbilder / von Christoph Kuffner
Entstehung
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Enſam ſaß Mariechen in ihrem, ungliücklicherweiſe ſehr hohen und geräumigen Zimmer. Auf dem Tiſche vor ihr lag eine Weſte von weißem Atlas, mit großen bunten Blumen geſtickt, ein Angebinde für den Vater, der morgen ſeinen achtzigſten Geburtstag feyerte. Tiefe Stille herrſchte im Hauſe, ſo wie im ganzen Dorfe. Jetzt aber ſchollen vom nahen uralten Kirchthurme eilf Schläge ſo dumpf und ſchauerlich, als hätten ſie's rech darauf angelegt, die Leute zu erſchrecken. Sie verfehl⸗ ten auch ihre Wirkung nicht, denn Mariechen, über⸗ raſcht von der unerwartet angekommenen Geiſterſtunde, erblaßte beym wohlgezählten eilften Schlage, und ließ die ſo eben ans Licht gehaltene Weſte fallen. Plötzliches Zittern ergriff ſie, und die aufgeregte Furcht ſteigerte ſich ſelbſt ſo ſehr, daß das arme Mädchen ſich ſogleich vor ſich ſelbſt zu fürchten anfing.

Um vor Allem ihre eigene Geſtalt nicht mehr zu ſehen, die ſie doch am Tage nicht ungern ſah, wollte ſie den Spiegel mit einem Tuche behängen; weil ſie ſich aber ſcheute, einen Blick hinein zu thun, ſo ſchloß

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