288
ſerer Denkungsart obwalte. Kein Kummer, kein Wunſch kam aus ihrer Feder, der nicht auch in mei⸗ nem Herzen anzutreffen geweſen waͤre. Nur ſchienen meine Gedanken dadurch, daß ſie durch ihre Seele ge⸗ gangen und von ihr ausgeſprochen worden waren, aus dieſer gottlichen Quelle ein unbeſchreibliches Ge⸗ praͤge von Erhabenheit und Reinheit angenommen zu haben.
Es war am 2. Mai. Ein mit ſechs Mauleſelin⸗ nen beſpannter und von einigen ſpaniſchen Dragonern geleiteter Wagen hielt auf einmal an meiner Thuͤr. Ich dachte anfangs, es waͤre Maria, die voll Unruhe uͤber meine Entfernung, vielleicht auch von der Ge⸗ fangenſchaft unterrichtet, in die der Markis zu Bayonne gerathen war, zu mir kaͤme, um ſich Troſt zu holen. Ich eilte daher hinaus, und wollte mich in ihre Arme ſtuͤrzen, aber es waren die Arme Matea's, die ſich zu meinem Umfange ausbreiteten. Eine peinliche Ueber⸗ raſchung trat bei mir ein. Ach, wie ſehr verwuͤnſchte ich jene ungluckliche Uebereilung, die mich einſt. zu den Fußen der Gräfin gefuͤhrt hatte! Ach, wie erſchienen die Feſſeln, auf die ich einſt ſo ſtolz geweſen war, mir jezt druͤckend, wo die zudringlichen Verfolgungen einer Frau, die ich nicht mehr liebte, die Laſt derſelben nur noch druͤckender machte, indem ſie vollends allen be⸗ zaubernden Schein an ihr zerſtoͤrten.
„Ihr ſcheint uͤber meine plotzliche Erſcheinung mehr uͤberraſcht als erfreut,“ ſagte die Graͤſin in ei⸗ nem ſchmerzlichen Tone zu mirz„ich darf mich weder daruͤber wundern, noch daruͤber beklagen; allein ich


