Teil eines Werkes 
2. Buch (1863)
Entstehung
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Cologne. Langſam erhob ſich Annie Laurie; langſam ent⸗ fernte ſie ſich; langſam verhallte ihr Tritt auf der Treppe, indem ſie ging und die Thür des Palaſtes ſich hinter ihr ſchloß. Der Dolch lag am Boden, an der Stelle, wo ſie zu den Füßen des Majors ſo bitterlich geweint hatte.

Sie ging nicht weit. Ihre Kraft verſagte ihr, und auf einem Steine am Gitter, welcher Hazlewood⸗Houſe gegenüberſteht, ſank ſie nieder und ihre thränenerfüllten Augen ruhten auf den weißen Säulen, welche im Scheine der untergehenden Herbſtſonne ſtanden, auf dem Portale, durch welches ſie einſt zu der kurzen Wonne ihres Le⸗ bens eingegangen, auf den drei Fenſtern des oberſten Stockwerkes, wo ſie zuerſt in den Armen George Mea⸗ dow's gelegen.

Inzwiſchen aber hatte ſich die Scene im Drawing⸗ Room Ihrer Herrlichkeit, der Lady Caſtlemere, noch einmal geändert. Ein Brief mit ſchwarzen Rändern und ſchwarzem Siegel war von Elm⸗Tree⸗Cottage angekommen.

Lady Caſtlemere riß das Couvert haſtig herunter und las. Dann ließ ſie den Brief zu Boden fallen und be⸗ gann plötzlich zu weinen.

Für Diejenigen von unſren Leſern, welchen es un⸗ glaublich erſcheint, daß eine Dame, wie Lady Caſtlemere, weinen ſollte, müſſen wir hinzufügen, daß Ihrer Herr⸗ lichkeit dieſe Kunſt nicht unbekannt war, und daß ſie in ihrer frühen Jugend einen großen Ruf dafür beſaß, wirk⸗ liche Thränen weinen zu können, wenn ſie zum Amüſe⸗ ment ihrer kleinen Geſellſchaft dazu aufgefordert wurde.

Was iſt Ihnen, Mylady? fragte der Major, wel⸗ cher ſeine edle Freundin noch niemals hatte weinen ſehn.