Druckschrift 
Die alte Jungfer : eine Erzählung / von der Verfasserin des "Tagebuchs eines armen Fräuleins" [d.i. Marie Nathusius]
Entstehung
Einzelbild herunterladen

227

ihr ein großer Troſt in der Trauer um ſeinen Verlußt, inne zu werden, wie ſehr man ihn auch in der Gemeinde vermißte und was ihr der Verſtorbene geweſen. Eugenie dagegen hat ſich trotz der Ruhe ihres Gemahls viel mit ihm geſtritten; ihre von Jugend an eingeſogenen und ein⸗ gelernten Meinungen und Lebensanſichten konnte ſie nicht ſo ſchnell aufgeben, ſie hat aber, wie ſie jetzt noch fröhlich verſichert, nie Recht behalten. So haben alſo ſelbſt dieſe Ehen, die durch des Herrn Hülfe und durch des Herrn Nähe glückliche Ehen ſind, Ihre ſtillen Kämpfe und Prü⸗ fungen. Blicke ich aber zurück auf die Ehen von Jugend⸗ bekannten, die in der Welt leben, ſo preiſe ich das Schick⸗ ſal einer gottſeligen alten Jungfer aus voller Seele glücklich. Ich könnte von mancherlei Ehen berichten; von reichen Mädchen, die durch ihre Männer arm geworden; von gut⸗ geſinnten, die gemeine Frauen wurden; von unglücklichen Ehen, von Streitigkeiten und Scheidungen und mißrathenen Kindern; aber ſolche Dinge ſind leider überall zu erblicken, ein jeder kann ſie noch in der Welt ſelbſt ſehen und kennen lernen.

Und nun möchte ich jedem jungen Mädchen wünſchen ein gottſeliges Herz, das da ſein überflüſſig Sehnen und Hoffen dem Herrn übergeben hat, und wenn es ihres Le⸗ bens Prüfung iſt, allein zu bleiben, dennoch getroſt und freudig iſt. Der Herr, dem ſie dienen, dem zu Ehren ſie leben will, wird ihr gewiß und wahrhaſtig nicht weniger

Freuden, nicht weniger Erquickungsſtunden ſchenken, als 35*