Müggedorf im elterlichen Hauſe, den 2. Juni 1854.
Zwölf Jahre ſind vorüber, ich ſitze in der alten lie⸗ ben Weinlaube, die Luft iſt lau, Nachtſchmetterlinge flattern, um meine Lampe, ich blättere in Briefen und Tagebüchern, vertiefe mich in die Vergangenheit und möchte dieſe Skizzen nun vollenden. Von mir könnte ich ſeitdem wenig berichten. Ich habe Freude und Leid mit dem Herrn getragen, meine Zuverſicht und Himmelshoffnung iſt durch Seine Hülfe, ſo hoffe ich feſt, lebendiger geworden. Oft war es eine bittere Hülfe, oft eine Hülfe durch Freuden. In den Häuſern meiner Lieben hieß es früher: kleine Kinder, kleine Sorgen, und jetzt heißt es: große Kinder große Sorgen,— und auch große Freuden. Die kleine Geſellſchaft iſt herange⸗ wachſen und herangeblüht zu unſerer Herzen Freude. Aber auch von Todesfällen habe ich zu berichten.
Eliſabeth iſt ſeit drei Jahren Wittwe, mein Herz hat mit ihr getrauert. Ihr älteſter Sohn iſt Student, der jüngſte Schüler; ſie hat nur ihre Tochter Eliſabeth bei ſich, und wir wohnen zuſammen im elterlichen Hauſe. Aber wochenlang iſt ſie bei Frau von Hartwig, und es iſt be⸗ weglich, wie die alte und die junge Wittwe ein Hoffen, einen Troſt und eine Sehnſucht zuſammen haben.


