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Die alte Jungfer : eine Erzählung / von der Verfasserin des "Tagebuchs eines armen Fräuleins" [d.i. Marie Nathusius]
Entstehung
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Skizzen aus meinem Leben will ich niederſchreiben. Dies Leben iſt nicht ganz beſonders ungewöhnlich und wunderbar, es iſt wie hunderte und noch hunderte ſich ab⸗ wickeln ganz unbemerkt. Und doch, wenn ich es recht bedenke, es iſt ſo wunderbar, ſo reich, ſo ganz ſeltſam, ich ſehe ſtaunend zurück, ich überblicke jetzt erſt, welche Gnade und Barmherzigkeit und Treue mich geführt: ich ſehe mich übermüthig und unbeſorgt an Abgründen wan⸗ deln, und ſehe wie mich eine Liebeshand gehalten, ich war verblendet, ich wollte einen eignen Weg gehen, aber ich durfte nicht, die Liebe hat mich gezwungen zu meinem Heil. Jetzt liegt dies Leben hinter mir, mit aller Luſt, mit allem Leid, das goldene Licht einer Abendſonne liegt darüber. Abendſonne? Nein, noch bin ich nicht ſo alt. Weil ein junges Fräulein noch im Dorfe, nennen mich die Leute das alte Fräulein, alt und grau aber bin ich noch nicht, nur gegen den Ramen einer alten Jungfer darf ich mich nicht ſträuben. Durchrieſelt es mich nicht bei dieſem

Worte mit kalten Schauern? Ach nein. Vor zwanzig

Jahren wohl, damals durfte ſich mir der Gedanke der Ein⸗ ſamkeit nicht nahen. und jetzt? O möchte ich es doch be⸗

ſchreiben können, der Herr weiß es, wie es mir zu Sinne iſt. 1*