29
wärts geſpannte Seil. Ich überblickte die Menge; Aller Augen waren auf mich gerichtet, auch die des ſchönen, jun⸗ gen Grafen Visconti— dann ſchritt ich das Seil hinauf. Als ich oben auf der höchſten Spitze deſſelben war, fühlte ich einen unwiderſtehlichen Drang, die Augen des Grafen wieder aufzuſuchen; ich that es, unſere Blicke begegneten ſich, und obgleich ich wußte, daß es mein Tod ſein könnte, wandte ich doch, als ich herabzuſteigen begann, die Augen nicht mehr von ihm. Ich glitt aus und fiel von der ſchwindelnden Höhe herab; nur einen Schrei aus der Menge vernahm ich noch, dann verlor ich die Beſinnung.
Als ich wieder zu mir ſelbſt kam, fand ich mich auf einem weichen Ruhebette in einem prächtigen Zimmer und hörte eine Stimme rufen:„Sie lebt, ſie ſchlägt die Augen auf, ſie iſt nicht todt!“ Es war die des jungen Grafen Fernando, welcher vor meinem Bette kniete. Ich glaubte, es ſei ein Traum, und ſchloß die Augen wieder, um weiter zu träumen; aber es war kein Traum, es war Wirklichkeit. Fernando hatte ſeine Eltern vermocht, mich, da ich einen Arm zerbrochen hatte und ganz unfähig zur Weiterreiſe war, im Schloſſe zu behalten; er hatte den Zigeunern ein ſchweres Löſegeld gegeben, mit dem ſie auch zufrieden da⸗ vongezogen waren, wahrſcheinlich weil ſie fürchteten, ich würde dem Grafen verrathen, daß ſie mich geraubt. Meine Freude bei dieſen Nachrichten war unbeſchreiblich und ich vergaß darüber die Schmerzen, die ich duldete. Graf Fer⸗ nando pflegte mich mit der größten Liebe; tagelang brachte


