Am Rachmittage ging ſie mit ihrer Tante in den Gar⸗
ten des Onkels hinab, um denſelben zu beſichtigen. Er
war ſehr groß, und ſchwermüthige dunkle Laubgänge wech⸗
ſelten mit den heiterſten Plätzen, die mit duftenden Blumen bepflanzt waren, ab. Der Garten war, da er in den letz⸗ ten Jahren etwas vernachläſſigt worden, ein wenig verwil⸗ dert, aber er deuchte der ſchwärmeriſchen Roſa darum nur um ſo romantiſcher. Beſonders gefiel ihr ein ſtilles Plätz⸗ chen unter einer dunklen Trauerweide an einem vom Laube verſteckten Weiher, der ſich in dem Garten befand.
Frau von Reichenbach befand ſich heute nicht ganz
wohl und zog ſich ſchon früh in ihr Schlafzimmer zurück.
So hatte denn Roſa einen langen Abend für ſich und be⸗
ſchloß, denſelben auf eine ihr beſonders zuſagende Weiſe zu
verbringen. Kaum war ſie allein in ihrem Zimmer, als ſie Wanda's Bücherſchrank öffnete, um nach Herzensluſt zu leſen. Sie hielt ſo eben den„Taſſo“ von Göthe in ihrer Hand, als ſie ein Tagebuch bemerkte, das zwiſchen den Büchern in einer Ecke des Schrankes ſtand. Es mußte
Wanda's ſein, ſie nahm es daher und ſetzte ſich damit auf
den Divan. Als ſie es geöffnet, fand ſie ihre Vermuthung beſtätigt und ſie las


