Vierundzwanzigſtes Capitel.
Lucia war ſeit kurzer Zeit wieder zu ſich gekommen und hatte einen Theil dieſer Zeit auf Bemühungen ver⸗ wendet, ſich ganz zu ermuntern, die trüben Erſcheinungen des Schlafs von den Erinnerungen und Bildern dieſer Wirflichkeit zu ſondern, die freilich nur allzu große Aehn⸗ lichkeit mit einer unheimlichen Fieberphantaſie hatte. Die Alte war ſogleich zu ihr getreten und hatte in einem Ton erzwungner Demuth zu ihr geſagt:„Ach, habt Ihr ge⸗ ſchlafen? Ihr hättet im Bette ſchlafen können, ich hatte es Euch doch geſtern Abend ſo oft geſagt.“ Als ſie aber keine Antwort erhielt, hatte ſie in einem Tone ärgerlichen
Bittens fortgefahren:„Eßt doch einmal Etwas; nehmt doch
Vernunft an! Hu, wie garſtig ſeid Ihr! Es thut Euch Noth zu eſſen. Und dann zankt er wieder mit mir, wenn er zurückkommt.“
„Mein, nein, ich will fort, ich will zu meiner Mut⸗ ter! Der Herr hat es mir verſprochen, er hat geſagt: Morgen früh. Wo iſt der Herr?“
„Er iſt ausgegangen; aber er hat geſagt, daß er bald zurückkommen und dann Alles thun werde, was Ihr verlangt.“
„Hat er das geſagt? hat er das geſagt? Nun wohl, ich will zu meiner Mutter gehen; ſogleich, ſogleich.“
Und ſiehe da, auf einmal vernimmt man das Getöſe von Schritten im anſtoßenden Zimmer, hernach ein Klopfen an der Thüre; die Alte läuft hinzu und fragt:;„Wer iſt's?“
Die Verlobten. MI, 1


