—
——
im Seehofe irgend etwas Bedrohliches geſchähe. Sie ſprach das gelaſſen aus, indem ſie ihre Hand auf meine Stirn legte. Ich fühlte mich von ihrer Stimme, wie von ihrer Bewegung wunderbar getröſtet, und da ein Geneſender ſolch ein Verlangen hat, zu leben und des Lebens froh zu werden, küßte ich die Hand, welche mich ſo ſanft berührte.
Ich könnte ſo glücklich ſein, ſagte ich— und wir haben viel ertragen, mein armes, theures Weib und ich! fügte ich hinzu.
Ich fühlte, wie meine Mutter vor dieſen Worten erſchreckend zuſammen zuckte, doch überwand ſie es und ſprach in ihrer früheren Weiſe: Denke nicht daran, mein Sohn, nur an Deine Geneſung denke. Es wird ſich Alles finden, wenn Du erſt geſund biſt, und ich hoffe, wir lernen dann uns wieder verſtehen.
Je mehr meine Kräfte ſich hoben, deſto öfter ſprach ich von der Geliebten, und meine Mutter ging immer ruhig darauf ein, da ſie bemerkte, wie wohl es mir that, wie ſehr es mir das Herz befreite. Sie war durch Mademoiſelle Charpentier von allen Umſtänden unſerer Flucht, unſerer Trauung und unſeres Lebens unterrichtet. Sie zeigte ſich voll Mitleid, ſoweit es mich betraf, ſie be⸗ klagte mich, wie man ein Kind beklagt, dem ein Fremder ein Unrecht zuge⸗ fügt. Sie verſuchte unmerklich unſer ganzes Unglück als die Folge von Clau⸗ dinens Leichtſinn darzuſtellen; aber ich konnte mit allen meinen beſtimmt ge⸗ ſtellten Erklärungen und Fragen nicht ermitteln, ob und wie weit mein Vater in dieſe Verhältniſſe eingeweiht war, ich konnte mit meinen Bitten um ihren Schutz und um ihren Beiſtand für mich und für meine Frau, keine irgend ſichere Zuſage erhalten. Mit ſanften Beruhigungen, mit Ermahnungen, mich zu ſchonen, wich ſie mir immer aus, und als ich ihr eines Tages erklärte, daß dieſer Zuſtand der Ungewißheit für mich quälender und darum nachtheiliger ſei, als jeder andere, daß ich mich daher endlich mit meinem Vater in das Reine ſetzen wolle, ſagte ſie mir, daß mein Vater am verwichenen Abende eine kleine Reiſe angetreten habe, von der er jedoch wiedergekehrt ſein würde, noch ehe ich das Zimmer verlaſſen hätte.
Dieſe plötzliche Reiſe meines Vaters, für den kaum eine Nothwendigkeit zu einer ſolchen denkbar war, und der Hamburg ſeit Jahren nicht mehr ver⸗ laſſen hatte, machte mich auf das äußerſte betroffen. Ich wollte die Veran⸗ laſſung zu derſelben kennen, meine Mutter ſagte mir, der Arzt habe ihr aus⸗ drücklich anbefohlen, nicht von Dingen mit mir zu reden, die mir noch ferne lägen, die Reiſe gehe mich nicht an, und ich würde ſeiner Zeit ſchon das Nähere erfahren. Es kam mir dabei vor, als lächle ſie verlegen, und da ſie mich bald darauf verließ, hatte ich Muße, über den Sinn ihrer Worte, über die Be⸗
deutung ihrer Mienen nachzudenken. Daß die Reiſe mir und meinen Angelegen⸗
heiten gälte, daran zweifelte ich nicht im Geringſten, aber in welchem Sinne und zu welchem Zwecke ſie unternommen worden, darüber konnte ich nicht in


