Kindern oder Enkeln es unternehmen würde, den Seehof vor dem Jahre acht⸗ zehnhundertfünfzig zu verkaufen, der habe ihn nicht geliebt und ſein Andenken nicht in Ehren gehalten.
Als daher bei der neuen Erbſchaftstheilung die Rede ſich wieder einmal auf den Seehof wandte und mein Bruder, als der Aelteſte der Familie, den verwaltenden Beſitz des Landhanſes über ſich nahm, fragte ich, was es mit dieſem letzteren eigentlich auf ſich habe.
Ich weiß es im Grunde ſelbſt nicht, antwortete er, und bin ſo wenig als Du jemals dort geweſen. Die Großeltern und der Vater hatten entſchieden eine Art von Scheu vor dem Hauſe, und doch irgend einen Grund, es nicht zu veräußern; denn daß Emil jetzt, wo er in den Sechzigen ſein müßte, nach einer vierzigjährigen Entfernung noch an eine Rückkehr denken ſollte, iſt mir unwahrſcheinlich. Der Seehof hat ihm gehört, und er muß dort mit einer Geliebten gewohnt haben, oder irgend etwas der Art dort geſchehen ſein. Haſt Du aber Luſt dazu, ſo können wir uns das verwünſchte Schloß ja einmal an⸗ ſehen, da es nicht außer der Welt gelegen iſt.
Damit ward an jenem Tage die Sache abgethan. Sie blieb mir aber doch im Sinne, und als mein Bruder im Laufe des Frühjahrs daran dachte, ſich durch irgend einen kleinen Ausflug zu erfriſchen, machte ich den Vorſchlag, die früher angeregte Beſichtigung des Seehofes zu unternehmen. Mein Bruder erklärte ſich damit einverſtanden, es wurden Poſtpferde beſtellt, und am folgenden Tage machten wir uns in aller Frühe auf den Weg.
Es war ein prächtiger Junimorgen, den wir doppelt genoſſen, weil es der erſte war, welchen wir in dieſem Jahre im Freien verlebten. Die Friſche der Natur und das ruhige, einſame Beieinanderſein, welches uns Vielbeſchäftigten ſeit Jahren nicht in ſolcher Weiſe zu Theil geworden war, ſchloß uns die Herzen auf, machte uns das Gemüth empfänglich, und regte unſere Phantaſie an.
Es hat wirklich etwas Wunderliches und Amüſantes zugleich, ſagte mein Bruder, der jetzt der Chef des alten Handelshauſes war, wie wir Beide hier hinaus fahren, ein Landgut zu entdecken, das ſeit Menſchenalter der Familie namhafte Summen gekoſtet hat, und von dem nie irgend Jemand das geringſte Vergnügen oder den kleinſten Vortheil bezogen in all der Zeit.
Ich fragte, ob es denn ſo ſchlecht verwaltet worden ſeid Mein Bruder lachte.
Das iſt eben das Wunderliche, daß ich über alle dieſe Dinge nicht das Geringſte in den Büchern oder in den Privatpapieren habe finden können. Der Großvater und unſer Vater müſſen gewußt haben, wie die Sachen ſtehen, haben es aber offenbar nicht für nöthig erachtet, mir irgend eine Mittheilung darüber zu hinterlaſſen, und alles, was ich aus den Privatpapieren habe ent⸗ nehmen können, ſind vierteljährige, regelmäßige Quittungen über die Summe von fünfundſiebzig Thalern. Sie ſind alle deutlich mit L. Dubois aus Seehof


