Teil eines Werkes 
1.-3. Bdchn (1847)
Entstehung
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Augenblick. Ich, die ich ihn immer in einer ganzen Glorie von Vortrefflichkeiten erblickt hatte, meinte ihn jetzt in einem Nebel von eitel Fehlern und Mängeln ſtehen zu ſehen. Ich war ganz ärgerlich auf ihn, ich konnte es ihm nicht verzeihen, daß er ſeine Erzählung ſo ſchmählich abgebro⸗ chen; ja ich konnte ihm nicht einmal ſeinen Enthuſiasmus für die alte Here auf der Straße vergeben, und es über⸗ kam mich plöͤtzlich ein gewiſſer gründlicher, obſchon ganz grundloſer Widerwillen gegen ſie. Ich will wetten dachte ich bei mir ſelbſt daß es eine alte Kokette iſt, ein altes garſtiges Weibsſtück mit einer höchſt zweideutigen Jugendgeſchichte, denn die Männer, die liederlichſten und mitunter auch die allerbeſten, haben doch immer ein ge⸗ wiſſes beſonderes Intereſſe für ſolche Geſchöpfe, von denen ſie zuerſt geleitet und verleitet werden, die aber nachher unter ihre tyranniſche Laune ſich beugen und krümmen müſſen; ſolche Geſchöpfe, welche nicht werth ſind, mit der guten, reinherzigen, reindenkenden, edlen und tugendhaften Frau unter demſelben Dache zu wohnen. Pfui!... Ich hätte Luſt gehabt, meinen Neffen in einem Löffel Waſſer zu ertränken! Er kam mir auf einmal ganz abſcheulich vor. Ich bin überzeugt ſo dachte ich weiter, denn ich dachte entſetzlich viel über dieſe Sache daß mein Neffe dieſe alte Ruine ſogar mir ſelbſt vorzieht, die ich ihn mit mütterlichen Gefühlen von ſeiner frühen Jugend auf ge⸗ liebt habe, mir, gegen die er ſo oft die zärtlichſte Erge⸗ benheit ausgeſprochen hat. Ich bin überzeugt dachte ich hohnlachend daß er an dieſer ausgetrockneten, mit braunen Handſchuhen überzogenen Marchel, an dieſem ſiebenzigjährigen Mauſoleum über einer leichtfertigen Jugend mehr Gefallen findet als an mir.... An mir, in deren Haaren noch nicht eine einzige Schneeflocke zu ent⸗ decken iſt; an mir, deren Zähne noch immer wie Perlen glänzen, ohne jedoch aus Salviegränd*) geholt zu ſein;

*) Eine Gaſſe unweit des Schloſſes von Stockholm, an wel⸗ cher bis vor Kurzem ein geſchickter Zahnarzt wohnte. A. d. U.