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meiner alten Bekanntſchaft zu erzählen anfinge. Aber zur Strafe für dieſe Erbſünde, welche Du ſo augenſchein⸗ lich hervorleuchten ließeſt, ſollſt Du jetzt von Anbeginn und mit allen Einzelheiten anhören, wie ich dieſe Be⸗ kanntſchaft gemacht habe, und Du ſollſt keinen Namen und keinen Umſtand früher erfahren, als im Verlauf der Erzählung, die, das ſage ich Dir zum Voraus, nicht kurz ausfallen wird.“
„Nun, ſo mag es ſein,“ ſagte ich, wie wenn ich halb unzufrieden wäre; im Ganzen aber war ich entzückt bei dem Gedanken an das Abenteuer, das ich zu hoͤren be⸗ kommen ſollte, und das mich ſchon zum Voraus intereſſirte, ich kann ſelbſt nicht ſagen warum.
„Der Kaffee taugt nichts,“ ſagte ich zu Lotte als ſie das Getränk aufſtellte;„koche einen andern.“ Ich verlangte das blos, um Zeit zu gewinnen, und mein Neffe begann:
Letzten Sommer hatte ich, wie Du weißt, Tante, ein ſehr mühſames Geſchäft. Ich führte den Prozeß eines leichtgläubigen Menſchen, dem man ſchweres Unrecht angethan hatte, der aber auch häufig durch ſeine einfältigen und gedankenloſen Aeußerungen ſeine eigene gerechte Sache verderbte. Ich war den ganzen Tag und einen Theil der Nacht damit beſchäftigt, und hatte ſelten Gelegenheit, außerhalb der Stadt eine Zerſtreuung zu ſuchen, ſondern, obſchon der hohe Sommer unaufhörlich zu Landluft, zu ſäuſelnden Bäumen und duftenden Blumen einlud, ſo beſtand doch mein ganzer Genuß von dieſer ſchönen Jahreszeit darin, Abends ungefähr eine Stunde unter den hohen Ahornbäumen und Linden auf dem Markte desjenigen Karls ſpazieren zu gehen, der zwiſchen dem zwölften und vierzehnten in der Mitte ſteht und bei dem großen hiſtori⸗ ſchen Ringeltanz die Hände beider halten wird. Ich wandelte dort umher und hatte ſo viel zu denken, daß ich nur ſelten die ganz wenigen Leute bemerkte, welche gleich mir etwas friſche Luft und etwas grünen Schatten, Stille und Einſamkeit ſuchten; denn das Alles findet man da


