8
„Es liegt etwas Reizendes in der Friſche der Nor⸗ mandie,“ fuhr ſie fort.
„Sie lieben die Normandie?“ ſagte er mit einem ſcharfen, fragenden Blicke.„Sie— eine Sudländerin, gewoͤhnt an die warme Sonne und ihre tieferen Tinten; — Sie bewundern unſere kleine grüne Provinz,— trotz ihrer Ruhe und Gewoͤhnlichkelt?“
1 Nathalie ſchien über dieſen geringſchätzenden Ton er⸗ aunt.
druck ihres Geſichtes mit ſeiner gewoͤhnlichen Leichtigkeit erklärte:„weßhalb ich an einem Orte bleibe, den ich ſo wenig zu ſchätzen ſcheine, meinen Sie? Nun, wenn ich hier bleibe, geſchieht es nicht deßhalb, weil ich die Normandie oder Sainville liebe, obwohl mir beide durch Familienerinne⸗ rungen von Werth ſind, ſondern weil ich weiß, mein Kind, daß es gut für die Heimath des Menſchen iſt, daß ſie ſei, wie ſein Glück— gewöhnlich und ruhig. Haben Sie genug von La Rochefaucauld geleſen, um mit mir über⸗ einzuſtimmen?“
Nathalie antwortete auf die letzte Bemerkung nicht.
„Die Normandie iſt hübſch,“ ſagte ſie,„dennoch würde lieinen reineren Himmel und eine bärmere Sonne vor⸗ ziehen.“
„Sie lieben den Süden: ich auch; aber nicht um darin zu wohnen. Dies endloſe Feſt der Natur mit ewig blauen Wolken und ewig duftender Luft entnervt die Seele. Der Menſch iſt nicht er ſelbſt, wenn er nichts zu kämpfen hat. Das Leben iſt nicht und ſoll nicht ein Tag voll Sommerſonnenſchein ſein, der in üppiger Freude verſchwelgt wird. Haben Sie nie in der Phantaſie ein ſanftes ſüd⸗ liches Clima mit dem traurigen Norden und ſeinen eiſigen Seen verglichen, die ſich am Horizonte mit dem kaum minder ſchwarzen Himmel vermiſchen? Haben Sie nie an jene einſamen und felſenumgürteten Geſtade, nie an die wilden und unfruchtbaren Regionen gedacht, die man durch den
„Ich verſtehe,“ begann er wieder, indem er den Aus⸗


