288
Zärtlichkeit. Die Sonne ging unter; wir beobachteten dieſes Schauſpiel von der Bank unter den Pinien aus, und nie, ſo wenigſtens erſchien es mir, und es kann keine Einbildung geweſen ſein, denn auch Cornelius
ſagte es— nie war die Sonne prachtvoller untergegangen,
oder hatte die See einen herrlicheren Anblick gewährt, als an jenem Abend unſeres Hochzeittages. Wie in den Viſionen der alten Propheten ſchien der wolkenloſe Him⸗ mel ſich vor uns zu öffnen, eine Tiefe flammenden Lichtes mit langen goldenen Strahlen enthüllend, die— als ſie von der Sonne ſchieden, bläſſer wurden, bis ſie in dem dunklen Abendblau verſchwanden.
Vor dem Felſenriff, in welches wir hinabſchauten, ſahen wir die ſchweren Wogen der See nach dem fer⸗ nen Horizonte rauſchen, von dem wechſelvollen Lichte übergoſſen, das lebendig und glühend erſchien. Der glühende Himmel war ruhig; die Stimme des Oceans murmelte ſanft, kein Lüftchen regte ſich am Ufer, und auf dieſe beiden weiten Einöden der See und des Himmels blickend, vergaßen wir die Erde unter und hinter uns, wie wir bisweilen das Leben in der Betrachtung der Ewigkeit vergeſſen. Ich glaube, ich fühlte das Leben nie weniger, als in jenem Augenblicke, obgleich ich dem ſo nahe war, den ich mit aller Kraft meines Weſens liebte. Aber es liegt in dem wahren Glücke etwas Er⸗ habenes, das die Seele weit über die Sterblichkeit hin⸗ aus hebt.
Wenn ich irgend etwas in jener Stunde fühlte, ſo war es, daß die herrliche ideale Welt, welche vor uns lag, nicht lieblicher und idealer ſein konnte, als die neue Welt, in welche ich jetzt trat; und wo ich in dieſem und im andern Leben ewig bei Cornelius zu wohnen hoffte. Denn für die, welche rein lieben, iſt die Liebe ihre eigene Welt, ihre eigene Einſamkeit, ihr eigenes neuge⸗ ſchaffenes Eden, in deſſen grünen und heitern Gärten ſie ein neugeborner Adam und eine neugeborne Eva ohne


