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Diesmal ſah ich ſie ſchweigend und erſtaunt an.
„O Daiſy!“ rief ſie, indem ſie ihre Hände faltete, und zu mir aufblickte,„iſt es möglich, daß Du weder weißt noch ahnſt, daß ich Deines Vaters Frau werden ſollte und Du mein Kind geworden wäreſt.“
Ihr leidenſchaftlicher Ton ging mir durch's Herz.
„Du, Kate,“ ſagte ich,„Du!“
„Ja,“ antwortete ſie und weinte;„es ſollte geſchehen, — es geſchah nicht— er ſtarb hier allein, ich war ferne.“
Miß O'Reilly flößte mir ein ſeltſames Gefühl ein. Ich hatte meine Mutter nicht gekannt. Ich hing mich feſter an ſie und ſagte nach einem Augenblicke:
„Warum heiratheteſt Du ihn nicht?“
„Er war arm und ich hatte das Kind zu erziehen. Ich konnte ihm nicht zwei Laſten aufladen; es war Stolz, er glaubte, es ſei Mißtrauen und heirathete eine Andere; ich hatte kein Recht, mich zu beklagen und that es auch nicht; aber von der Zeit an faßte ich eine tiefe Neigung zu dem Knaben, gerade vielleicht, weil er mich ſo theuer zu ſtehen kam.“
„Aber warum heiratheteſt Du Papa nicht, als Mama geſtorben war.“
„Er bewarb ſich nie wieder um mich, Kind,“ er⸗ wiederte ſie mir und bengte ihr Haupt mit düſterer und demüthiger Reſignation;„ich dachte, er würde es thun und ich würde ihn gerne genommen haben, aber viel⸗ leicht vergab er mir nie, daß ich meinen kleinen Bru⸗ der dem erwachſenen Geliebten vorgezogen. Vielleicht glaubte er, ich hätte mich verändert und hielt mich nicht mehr für das hübſche Mädchen, dem er den Hof ge⸗ macht: wie dem auch ſei, er hielt nicht wieder um mich an; und doch wie gut und freundlich war es von ihm, mir den Knaben aufziehen zu helfen, wegen deſſen ich ihn aufgegeben! Ich denke oft, er hat mich geliebt, denn Cornelius erzählte mir, daß mein Name ſein letz⸗ tes Wort war, und ich kann nicht umhin, zu glauben, daß er wünſchte, ich ſolle für Dich ſorgen. O Midge⸗
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