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Ach! wie lange brauchen wir, um die gehäſſigen und feindſeligen Gefühle unſerer Kindheit zu vergeſſen. Wie zieht ſich durch dieſe Blätter aus der Vergangenheit ein fortwährender Groll gegen die Feindin meiner Ju⸗ gend, den Jahre nicht aus meinen Herzen zu verwi⸗ ſchen vermochten! Welch' traurige und demüthigende Lehre war dies für mich. Wie klar tritt mir die Er⸗ fahrung daraus entgegen, daß die Leidenſchaft das nechel trübt und die heilige Nächſtenliebe vergeſſen läßt.
Ich habe Miriam obhne einen einzigen verſöhnenden Zug geſchildert und mein Gewiſſen ſagt mir, daß ſie das nicht war. Ich erinnere mich jetzt vieler Züge von ächt weiblichem Gefühle und von Menſchenfreundlich⸗ keit, welche, wie ich reuevoll geſtehe, nicht unerwähnt, hätten bleiben ſollen, wenn Alles, was ſchlimm an ihr war, ſo getren aufgezeichnet wurde.-
Sie beſaß viele hohe Eigenſchaften. In weltlichen Angelegenheiten war ſie edelmüthig und uneigennützig. Ihr Wort war unverletzlich; ſie gab es ſelten und brach es nie. Sie war ihrer blinden alten Amme treu ergeben und geduldig gegen ihre kränkliche Tante. Ihr Tempe⸗ rament war ruhig und ausdauernd; ſie hatte etwas von jenem Geiſte in ſich, der Märtyrer macht und hätte Verfolgung mit unerſchrockenem Muthe ertragen. Sie ſprach nie von Religion und ich zweifle, ob ſie über⸗ haupt religöſe Gefühle hatte; aber ſie war mildthätig gegen die Armen; ſie hatte Mitleid mit dem Elend und Theilnahme für körperliches Leiden; ich erinnere mich, daß ſie einſt, als ich mich heftig in die Hand ſchnitt, ein Bedauern an den Tag legte, das ehrlich gemeint ſein mußte. Wäre ich ganz in ihrer Macht geweſen und hätte ſie auf das Aeußerſte gereizt, ich bin überzeugt, ſie würde mich weder mißhandelt, noch zugegeben haben, daß mich Andere mihhandelten. Ihr Haß war erbarm⸗ ungslos, aber nicht niedrig; denn ſie verſchmähte es,


