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Verflossene Stunden : Novelle / S. Junghans
Entstehung
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begehrten, ich ſah ihm nach und freute mich an ſeinem gewandten und ſichern Reiten. Am Abend wurde er mir ſterbend ins Haus gebracht; er konnte nicht mehr ſprechen, aber ich verſtand ſeine Augen wohl, ſeine ſchönen, beredten Augen, aus denen er mich an⸗ ſah mit unendlicher Liebe und Sorge, er bat mich mit ihnen um Verzeihung für das Herzeleid, welches er mir bereitete durch ſein Sterben. Todesmatt ſuchte er noch nach meiner Hand, ohne die Augen von mir abzuwenden, ſeine großen, flehenden Augen, er verſuchte zu lächeln, mich anzulächeln ſo ſtarb er.

Die Mutter ſchwieg, aber ſie hatte keine Thränen;

nach einer Pauſe fuhr ſie in hartem Tone fort:

Sein Pferd war geſtürzt und er über den Hals des Thieres fortgeſchleudert worden. Man hatte ihn für todt aufgehoben, aber während des Nachhauſetragens belebte ihn die ſcharfe Nachtluft noch einmal, ſeine kräftige Natur wehrte ſich gegen den Tod. Dein Vater war niedergeſchmettert durch den ſchweren Ver⸗ luſt, aber er richtete ſich auf an der Aufgabe, mich zu tröſten, da mich der Schmerz um meinen Sohn faſt wahnſinnig machte. Nach Monaten erſt legte ſich meine heftige Verzweiflung, ich wurde ruhig, aber Le⸗ bensmuth und Energie wollten nicht wiederkehren. Ich ſaß ſtill vor mich hin, wenn ich allein war