3*
— 287—
Sendſchreiben des Herrn Anton Hahn auf Liebenau an Herrn Karl von Holtei 5 irgendwol
Schloß Liebenau, 13. Nov. 1850. Mein lieber Freund Holtei!
Hedwig, Ottilie—(ich meine die alte),— die Kin⸗ der und ich kehren ſoeben von Sophienthal heim, wo wir unſere Gräſin Julia begruben.
Ich vermag Ihnen weiter Nichts über die letzten Tage dieſer Heiligen zu berichten; ſie ſtarb, wie ſie lebte.
Ihr Verluſt iſt durch Nichts zu erſetzen; auch die Zeit wird ihn nicht lindern. So lange wir leben, wird ſie uns fehlen. Wir jammern nicht; wir haben uns die Haare nicht gerauft, als ſie verſchied,— von dieſer unge⸗ berdigen Art iſt unſer Schmerz nicht; er hätte dieſe Sterbeſtunde nur entweiht. Wilde Klagen verſtummen im Geräuſch des neuen Lebens; milde Trauer endet erſt mit dem Leben..
Wir ſind Alle geſund. Meine Tochter Ottilie hat einen Knaben, mein Sohn Guido ſtudirt Arzneikunde, Julchen und Adele werden nach und nach Jungfrauen und warten auf Männer. Aber wo wachſen dergleichen für ſie in unſerer Zeit?
Ich habe viel zu thun. Die Gräfin hat mir die Aus⸗ führung ihres letzten Willens hinterlaſſen.
Dieſes Briefchen gehört dazu.


