Teil eines Werkes 
3. Bd. (1857)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

283

Frauen mit grauem Haar, die nur von Grazien begleitet erſchienen, bei deren Eintritt jede Rohheit entwich, jede Keckheit verſtummte, jede Gemeinheit beſchämt erröthete. Alte, ſehr alte Frauen, die Frohſinn und Fröhlichkeit mitbrachten, Luſt und heit're Geſpräche erweckten, feinen Scherz verſtanden, Geiſt und Talent ſchätzten. Hoch⸗ adelige Damen, die ſtolz waren, ohne hochmüthig; wür⸗ dig, ohne mürriſch; fromm, ohne frömmelnd und unduld⸗ ſam zu ſein. Sie ſind ſelten geworden. Gräfin Julia vereinte alle Eigenſchaften, vor denen man ſich gern bewundernd neigt: ſie war noch ſchön.

Anton hatte mir vertraut, daß auch ſie meine Vierzig Jahre geleſen.

Bei der heiligen Scheu, welche die ſtets in Trauer⸗ gewand gehüllte, erhabene Frau mir erregte, ſchlug mich dieſe Nachricht faſt danieder. Ich wagte kaum zu reden, wenn ihr Auge bisweilen auf mir ruhte.

Am Theetiſch kam das Geſpräch auf Anton's Plan wegen des Romanes, den er mir aufgetragen. Tieletunke, nachdem ſie Julien und Adelen zu Bett gebracht, fing davon zu reden an.

Das wird luſtig ſein, rief Hedwig. Aber Sie dürfen Nichts unterſchlagen.

Nicht allein luſtig, ſagte die Gräfin, es kann auch lehrreich werden. 8

Nur um Alles in der Welt keine moraliſchen Predig⸗ ten, meinte Tieletunke. Nur leichte, fließende Erzählung. Die Moral mag ſich Jeder ſelbſt heraus zu leſen ſuchen; denn wer dies nicht vermag, für den wäre ſie ohnedies