— 19—
hinauf, die Nettel holen! Und ich gehe hinauf, Anton, —— nein! nein, ich kann nicht weiter—...“
— Großmutter, ich bitte Dich, fahre fort!—
„Nun denn, nach einer Stunde ſaßen Dein Großva⸗ ter und ich vor Deiner Mutter Bett, die bleich darin lag, ein ſchmerzvoll⸗ſüßes Lächeln um ihren Mund. Im Arme, mein lieber Anton, hielt ſie Dich. Aber Du warſt ſehr klein und ſchrie'ſt, wie wenn Du am Spieße ſtecken thäteſt. Solches geſchah am vierundzwanzigſten De⸗ zember...
Vor Mutter und Vater hatte das hartnäckige Mädel ihren Zuſtand zu verbergen gewußt. Was jetzt erfolgt war, konnte und durfte natürlich nicht verborgen bleiben. Dein Großvater mußte gebührende Anzeige machen. Da war denn der Stab über die Cantorfamilie gebrochen, die Fahne der Schmach ward uns auf's Dach geſteckt und weh'te wie ein durchlöcherter, ſchmutziger Fetzen im kalten Schneewinde, indeſſen and'rer Orten die Weihnachts⸗ Feiertage fröhlich begangen wurden. Es währte auch nicht lange, ſo hatte der Paſtor Primarius es oben durch⸗ geſetzt, daß Dein Großvater vom Amte gejagt wurde, weil, wie der vollgefreſſene Bratenſack behauptete, die Schulkinder nicht mehr von einem harthörigen Lehrer unterrichtet werden könnten, der für die Schande ſeiner eigenen Tochter taub und blind geweſen wäre. Wir mußten ausziehen. Aus unſerem heimlichen, warmen, grünumwachſenen Häuschen hinaus! Zum Glück, daß die Bäume dürr waren und winterkahl. Um Oſtern
zogen wir hinaus. Wir hatten weiße Oſtern. Es war * 2* 1
2


