Teil eines Werkes 
1. Bd. (1857)
Entstehung
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aus ihrem Grabe, oder ſonſt Etwas? Es hat ſich jedoch Nichts eingeſtellt. Mein zweites Kind lange nachher war ein Mädel. Das war Deine Mutter, Anton! Antonie haben wir ſie genannt. Das heißt, Dein Groß⸗ vater rief ſie Antoinette. Und da wurde zuletzt Nette daraus, und unſere Nachbarn meinten, der Name käme daher, daß ſie ſo nett und ſauber war. Denn ſie wuchs auf in purer Schönheit, daß jeder ſtehen blieb und ihr nachſtaunte, der ihr begegnete. Ich ſah ihre Schönheit auch und ihre Klugheit und Anmuth, o ja, ich ſah Alles, denn mein Gott, wofür wäre ich denn ihre leibliche Mut⸗ ter geweſen? Daneben jedoch ſah ich auch ihre Fehler: Ihren leichten Sinn, ihre Eitelkeit! Dein Großvater wollte davon Nichts ſpüren; der hob nur die Tugenden heraus. Und als ſie gar zu ſingen anfing, und als ſie ſämmtliche Schulkinder mit ihrer kräftigen, reinen Stimme beſiegte, da war's gar aus! da kannte mein guter Mann Nichts über ſeine Nette! Ja, wenn unſer Herrgott die himmliſchen Heerſchaaren herabgeſendet hätte, daß ſie vor meinem Manne muſteiren müßten und ſingen, der hätte, glaube ich, geradezu geſagt: Sobald mein Nettel nicht mitſingt, will die ganze Muſik Nichts heißen. So war er. Freilich, himmliſch geſungen hat ſie, das muß ich ſelbſt eingeſtehen; mit vierzehn Jahren ſtand ſte Dir da, Anton, wie eine vollkommene Jungfrau, und wenn ſie den kleinen Mund aufthat und ihre Zähne

wies, und die Stimme drang heraus, da ging es Einem

wohl durch alle Gliedmaßen. Ich fühlte es ebenſo warm, wie Dein Großvater; nur hätt' er's ihr nicht immer ſagen