Teil eines Werkes 
1. Bd. (1857)
Entstehung
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Zweites Kapitel.

Dein Großvater, Anton, mein guter ſeliger Mann, war Cantor und Schulrector in N. Na, das weißt Du. Davon hab ich Dir ſchon oft genug erzählt; von unſerem hübſchen, grünumlaubten Häuschen hinter der Kirche, und wie er mich heimführte als junge, ſchmucke Braut. Des Herrn Amtsdieners Tonel haben ſie mich geheißen; denn mein Vater ſelig war Amtsdiener beim hohen Rath. Aber wie ich Hochzeit machte, war er ſchon lange todt, und meine Mutter folgte ihm bald nach meiner Verhei⸗ rathung, ſo daß ich die Flitterwochen hindurch ſchwarz ein⸗ hergehen mußte, wie eine Amſel. Das haſt Du alles ſchon gehört, Anton, ich kann Dir es aber jetzt nicht ſchenken,

denn mein Kopf iſt gar ſchwächlich, und wenn ich nicht die

ganze Geſchichte vom Anfang anfange, bring' ich ſie gar nicht zu Stande. Aber wo blieb ich denn? Bei der Amſel, Großmutter!

Richtig. So ſchwarz wie eine Amſel mußt' ich ein⸗ hergehen. Und ſammt meiner Trauerkleidung kam ich in's Wochenbett, mit einem einen Anton. Der machte aber nicht lange, ſo war er hin. Der arme kleine Kerl konnte die Thränen nicht verwinden, die ich um meine Mutter ſo gern geweint hätte, die ich aber verſchlucken

mußte, weil Dein Großvater zornig ward, wenn er mich weinen ſah. Ich hab' das Kind meiner Mutter zu Füßen

gelegt. Ich dachte in meiner Einfalt, damit ſie gleich einen Engel als Boten bei der Hand haben ſollte, wenn ſie vielleicht einmal Luſt hätte, mir einen Gruß. zu ſchicken