296
in der Ausübung doch noch nicht recht geläufig ſein mochte. Theodor zeigte noch das Bedürfniß, von ſei⸗ nen Qualen zu reden; verſchmähte nicht, ſich bemit⸗ leiden zu laſſen. Der Baron vermied nicht nur jede leiſeſte Anſpielung auf ſeine Zuſtände, ſondern hatte geiſtige Kraft und feſten Willen genug, ſeine heitere Ruhe, ſeine gemüthliche Ironie auch in heftigſten Schmerzen feſtzuhalten. Eines Gentleman ſei es un⸗ würdig, erklärte er dem ihn geleitenden Hermann, andern Menſchen durch Klagen läſtig zu werden; ihnen wohl gar zuzumuthen, daß ſie ihn, wenn er daniederliege, beſuchen und bongré malgré Augen⸗ und Ohrenzeugen unangenehmer, vielleicht ekelhafter Anfälle ſein ſollten. Wenn er bemerke, daß es mit ihm auf die Neige gehe, und daß der ‚Anfang des Endes' eintrete, dann ſei er entſchloſſen, ohne Ab⸗ ſchied vom Schauplatze zu verſchwinden und in irgend⸗ einer abgelegenen Gegend allein zu ſterben. Dieſer düſtere Vorſatz, den der Kammerherr wie etwas höchſt gleichgiltiges, entſchieden abgemachtes ausgeſprochen, dünkte Hermann fürchterlich. Deſto ſicherer nahm er ſich vor, ſeinem Bruder aufmerkſam zur Seite zu bleiben; ſich ihm, wenn es ſonſt nicht thunlich wäre, ſogar aufzudrängen und anzubetteln, damit dieſer durch ſein verhängnißvolles Vorbild nicht etwa zu ähnlichen, gewaltſamen Entſchließungen angelockt


