Erſtes Kapitel.
Is war in den letzten Tagen des Monats Auguſt im Jahre Eintauſend fünfhundert und ſechs und vierzig, da ſchritt in einem hohen und geräumigen, aber ſchmuckloſen Gemache des fürſtlichen Schloſſes zu Bernburg ein Mann von edler Geſtalt und ernſtem gebietendem Weſen nachſinnend auf und nieder. Die ſtrahlenden blauen Augen feſt auf den Boden gerichtet, die breite hohe Stirn in ſorgenvolle Runzeln gezogen, die ſchma⸗ len bärtigen Lippen feſt zuſammengepreßt, ſchien er alle ſeine Gedanken auf ein großes und ernſtes Ziel gerichtet zu haben. Nicht ſelten unterbrach er auf einige Augenblicke ſeinen Gang, fuhr mit der muskelſtarken Hand über den vollen breiten Bart, der von Kinn und Wangen hernieder wallte, ſtrich mit den Fingern durch das kurz verſchnittene braune Haupthaar, und murmelte einige halblaute Worte vor ſich hin, deren Sinn man jedoch nicht deutlich verſtehen konnte. Gleich darauf aber ſetzte er immer ſtill und ernſt ſeinen Weg wieder fort.
Die Kleidung des Mannes war einfach, beſtand aber aus den koſtbarſten Stoffen. Ueber einem Wams von dunkelblauem niederländiſchem Tuche, das eng und knapp ſeine breite Bruſt umſchloß, trug er einen weiten Ueberwurf von ſchwarzem Sam⸗ met, verziert mit einem großen Kragen und handbreiter Ver⸗ brämung von köſtlichem Pelzwerk. Den Hals umſchloß eine
Fürſt Wolfgang. 1


