Schnee ſchmolz auf den Bergen, das Eis des Baches im Thale; die Hecken fingen an zu grünen, das zarte Laub der Birken brach aus den Zweigen hervor; meine lieben kleinen Freunde, die Waldvöglein, kamen wieder und grüßten mich mit ihrem Geſange— auf den Wie⸗ ſen und in den Gärten blühten die Blumen auf— und wie ſich Alles fröhlich regte und Alles drängte und trieb, ſo regte es ſich auch wieder in meinem Herzen und ich empfand Freude, daß ich nun bald der engen Schneiderſtube wieder entſchlüpfen und die freie Gottes⸗ luft draußen einathmen konnte. Obgleich es gewiß kein beneidenswerthes Loos iſt, die Gänſe auf den Triften hüten zu müſſen, ſo lag doch für mich eine wahre Wonne in dem Gedanken, daß mir dieſes Loos wieder zu Theil werden würde. Der Gänſe⸗Baſtel war jedenfalls glück⸗ licher daran, als der Schneider⸗Baſtel. Als der Gänſe⸗ Baſtel ſah ich doch wieder den blauen Himmel über
mir, und den hüpfenden Bach mit ſeinen rauſchenden
Wellen im Thale, und die grünen waldigen Höhen, und ſog wieder die duftige Waldluft mit tiefem Athem⸗ zug in die Bruſt ein, und hörte wieder die Vögel ſin⸗ gen, und, was vor Allem das Beſte war, ich konnte doch wieder ein Stündchen für mich und meine ganz verſtäubten und halb vergeſſenen Bücher erübrigen. Aber freilich, Geduld mußte ich noch haben, ehe dieſe glückliche Zeit kam, denn vor Pfingſten wollte mich Meiſter Siunebein nicht aus den Scheeren laſſen, we⸗ gen der vielen Arbeit, die um dieſe Zeit herum zu er⸗ warten ſtand.
Alſo Geduld! Pfingſten mußte ja auch endlich kom⸗ men, ſo gut wie Weihnachten und Oſtern.
Aber noch ehe es kam, trug ſich ein kleines und


