Erſtes Kapitel. Ein barmherziger Samariter.
Der Tag neigte ſich ſeinem Ende zu, und die Sonne näherte ſich allmälig dem weſtlichen Himmels⸗ rande. Die Schatten der Bäume wurden länger und länger; in die tieferen Thäler und Schluchten fiel ſchon kein Sonnenſtrahl mehr, und nur die Höhen noch glänz⸗ ten in goldenem Lichte, als eine alte Frau langſamen Ganges, auf einen derben Knotenſtock ſich ſtützend, in einem einſamen und rauhen Gebirgsthale des Thürin⸗ ger Waldes einherſchritt. Man ſah es der Armen an, daß ſie ſich kaum weiter zu ſchleppen vermochte. Oft ſtrauchelte ihr wankender Fuß über einen ſcharfkantigen Stein oder über eine glatte Fichtenwurzel, die feucht und ſchlüpfrig quer über den ſchmalen Weg hinlief; oft blieb ſie auch ſtehen, ſtemmte ſich mit beiden Hän⸗ den auf ihren Knotenſtock, und hob ihre matten, halb erloſchenen Augen zum Himmel auf, als ob ſie von
Oben herab Gnade, Hülfe und Barmherzigkeit erflehen wolle.
Barmherzigkeit. 1


