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ſchah, er zog Erkundigungen ein, aber ohne Erfolg. Richard ſchien Berlin verlaſſen zu haben. Drei volle Tage ſetzte Georg ſein emſiges Suchen fort, dann gab er es, obgleich mit blutendem Herzen auf.
„Der arme Junge!“ ſeufzte er.„Es iſt Alles ge⸗ kommen, wie ich vermuthete, und nun irrt er vielleicht als Bettler in der Welt umher. Ein Aufruf in den Zeitungen iſt das Beſte, was zu thun noch übrig bleibt.
Im Begriff ſich nach dem Bureau einer der meiſt verbreiteten Zeitungen zu begeben, begegnete Georg ei⸗ nem jungen Manne, welcher auf der andern Seite der Straße geſenkten Hauptes an den Häuſern entlang ſchlich, und einen Packen Papiere unter dem Arm trug. Die Dämmerung war ſchon eingetreten und er konnte die Geſichtszüge des armlich gekleideten Menſchen nicht erkennen, aber Haltung und Gang deſſelben kamen ihm bekannt vor, und er kehrte raſch um, um ihn zu ver⸗ folgen. Nach wenigen Schritten hatte er ihn eingeholt, ſah ihm ſcharf in's Geſicht, und mit dem Ausrufe: „Richard! Mein lieber Freund! Endlich hab' ich dich gefunden!“ ſiel er ihm ungeſtüm um den Hals.
Richard war es wirklich, aber anſtatt ſich über das Wiederſehen zu freuen, wurde er ſehr bleich; Verlegen⸗ heit, Schmerz und Verwirrung malten ſich in ſeinen Zügen, und faſt ſchien es, als ob er ſich losreißen und fliehen wollte. Aber Georg hielt ihn feſt, und nach einigen Augenblicken gewann auch Richard Faſſung und Selbſtbeherrſchung wieder.
„Mein guter Georg„« ſagte er und erwiederte die Umarmung des Freundes,—„es freut mich, dich zu ſehen, freut mich von ganzer Seele, nur ſchmerzt es, daß du mich ſo wiederfinden mußteſt. Deine Prophe⸗


