99
ein neues Lied, ein noch nicht geleſenes Taſchenbuch u. ſ. w. in der Taſche zu tragen. Kam ich nicht jeden Vormittag auf ein halbes Stündchen herüber, ſo wurde ich vermißt.— Kurz, was will ich Euch denn mit ſolcher Umſtändlichkeit ermüden— mein Verhältniß mit dem Mädchen ging in jene behag⸗ liche Vertraulichkeit über, die zum offnen Geſtänd⸗ niß der Liebe und zur Heirath führt.— Ich wollte mir den letzten Wolkenſchatten vertreiben, ſprach daher einſt in einer gemüthlichen Stunde geradezu von der vorgefaßten Meinung, daß ſie ſchon liebe oder wenigſtens geliebt habe, und erwähnte aller Umſtände, die dieſe Meinung genährt hatten, vor⸗ züglich aber dachte ich jenes jungen Mannes, deſſen Andenken ihr Thränen auspreßte.„Geſtehen will ichs Ihnen,“ ſprach das Mädchen,„daß das längere Zuſammenſein mit jenem Manne, der plötzlich als Fremder in unſer Haus eintrat, meiner Ruhe hätte gefährlich werden können, ja daß ich eine heftige Neigung für ihn in mir aufkeimen ſpürte, und des⸗ halb kann ich noch jetzt nicht ohne tiefes Mitleid, das mir Thränen entlockt, des Unglücks, das ihn auf ewig von mir ſchied, gedenken.“ Des Unglücks, das ihn verbannte? fragte ich neugierig.„Ja!“ erzählte das Mädchen weiter:„nie kannte ich einen Mann, der ſo wie er durch ſein ganzes Weſen, durch ſein Geſpräch, Sinn und Gemüth zu beherrſchen wußte, aber nicht läugnen konnte ich, daß er, wie


