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Wenn ſich der größte Theil meiner Recenſionen nicht über die gewöhnliche handwerksmäßige Phraſeologie er⸗ hob, die nur dann und wann einmal mit kleinen ſatyriſchen Ausfällen abwechſelte, ſo waren meine Auslaſſungen über Fräulein Braag deſto mehr Eigenthum meines Geiſtes. Ich war klug genug, die kleinen Fehler der Künſtlerin ohne Erbarmen zu rügen, beleuchtete aber ihre Vorzüge mit dem ganzen magiſchen Lichte meiner Inſpiration und lenkte die Aufmerkſamkeit des Publikums von der Dar⸗ ſtellerin der Hauptrollen ab auf die kleinen, aber mit war⸗ mer Hingebung durchgeführten Partie'n meiner Künſtlerin. Fräulein Braag wurde öfter als zuvor mit reichem Bei⸗ fall belohnt, auch andre Federn wagten jetzt in ihr hohes Talent zu erblicken, und als die Primadonna des Drama's eine längere Gaſtſpielreiſe unternahm und Fräulein Braag nun in mehreren Hauptrollen, unter andern auch als Lady Macbeth auftrat, da war die Eisrinde um das Herz des Publikums vollends aufgebrochen, und ich, der ich alle meine Erwartungen übertroffen fand und während der Vorſtellung, von der Gewalt dieſer Seele fortgeriſſen, einige wenige Thränen vergoß— das erſte Mal ſeit meiner Kindheit wieder— ich kam mir recht klein, recht unwürdig vor, zu dieſem großen Thatbeſtand mein Schärf⸗ lein beigetragen zu haben.— Das Dämmerlicht des hei⸗ terſten Junihimmels brach durch die das Theatergebäude


