Teil eines Werkes 
1. Bd. (1859)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

r 209

Froſt vorüber ſtreifte, erhob er ſich von ſeinem Stuhle und ſagte zu ihr:

Verzeihen Sie mir, wenn ich vielleicht jetzt einen unbeſcheidenen Wunſch ausſpreche. Ich möchte noch ein Lied hören.

Mit leuchtenden Augen verſicherte Laura, daß ſie herzlich gern bereit ſei.

Dürfte ich Sie dann bitten, ſagte Froſt,Beet⸗ hoven's Adelaide zu ſingen?

Laura ſchrak ein wenig zuſammen, nickte ſtumm mit dem Kopfe und trat an den Flügel.

Ach! hätte ſie das wunderſchöne Lied der Wehmuth und der Sehnſucht mit weniger Innigkeit geſungen!

Es war die Krone des Abends, und ging ſelbſt Fräu⸗

lein Steinwald tief zu Herzen. Im Auge der Mutter

funkelten Thränen und Mahlmann hatte die Stirn finſter zuſammengezogen der höchſte Ausdruck ſeiner innern Bewegung.

Froſt ſtand am Fenſter und blickte in den Park eine himmliſche Maiennacht draußen und Laura ſang:

Einſam wandelt Dein Freund im Frühlingsgarten,

Mild vom lieblichen Zauberlicht umfloſſen,

Das durch wankende Blüthenzweige zittert: Adelaide!