Teil eines Werkes 
4. Bd. (1868)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

15

„Wer gab Ihnen das Recht, dieſen Geiſt zu be⸗ ſchwören?“ fragte Karl mit finſterem Stolz.

„Meine Ahnung, daß über dem reichen Erben noch immer ſein edleres Menſchenthum thront, daſſelbe, in dem er mir einſt ſo lieb und theuer war. Ich ſuchte überall nach dem Ehrenplatze, den ein ſtolzer Sohn den Portraits ſeiner Aeltern anweiſen mußte, und ich fand ihn hier oben. Wie Sie auch über mich denken, wie Sie auch die Heiligkeit dieſes Aſyls für entweiht halten mögen, ich habe von jeher in Ihnen den Menſchen gerehrt, nicht den glücklichen, ſondern den geſchmähten, verkannten, und Sie können, Sie dürfen mich nicht verdammen, daß ich im Buche ſeines Lebens zurück⸗ blätterte, um auf dieſer letzten Seite ſeiner Prüfungen wieder und wieder zu leſen.“

Adeline hatte Karl's Hand ergriffen. Er ver⸗ mochte ſie nicht zurückzuſtoßen. Sie hatte die Wahr⸗ heit geſprochen, ſie verſtand in ſeinem Herzen zu leſen, ohne daß flammende Leidenſchaft ſie zur Hell⸗ ſeherin gemacht hätte. Der ſanfte, ruhige Druck ihrer Hand, die milde Wärme ihres Blutes, der klare, leiden⸗ ſchaftsloſe Blick ihrer Augen— ein uneigennütziges Geben ohne Begehren— in Allem ſpiegelte ſich das feine Verſtändniß eines ſinnigen Gemüths, und auf einen Augenblick vermochte Karl Alles zu ver⸗