Erſtes Kapitel.
Ihr, die Ihr zu wiſſen wünſcht, welche Leiden der Menſch ſeinem Neben⸗ menſchen ohne Widerſtreben, Zaudern oder Bedauern verurſachen kann; Ihr, die Ihr wiſſen wollt, was die menſchliche Kraft zu ertragen vermag und von welcher bitteren Qual, von welchem glühenden Haſſe das Herz erfüllt ſein kann, ohne zu brechen: leſet dieſe Denkwürdigkeiten.
Ich habe keine eingebildeten Leiden, keine ſentimentalen Schmerzen zu berichten, ſondern die harte Wirklichkeit eines tiefgreifenden Wehs, deſſen Geſchichte vielleicht ſelbſt Einige von Denen rühren dürfte, welche täglich die Urheber von ſolchem Elend ſind, wie ich es erduldet habe. Denn wie ſehr auch die Ausübung der Tyrannei jedes beſſere Gefühl ertödtet und die
Vorurtheile der Erziehung und des Eigennutzes das Herz verhärtet haben
mögen, ſo erzwingt ſich die Humanität doch einen unwillkürlichen Tribut und die Menſchen werden erſchrecken, wenn ſie von den Thaten hören, deren Begehung ihnen keinen unruhigen Augenblick verurſacht.
Sollte ich auch nicht mehr bewirken als dies, ſollte ich auch nur im
Stande ſein, durch den dreifachen Stahl, mit dem Geiz und Herrſchſucht
es umpanzert haben, ein einziges Herz zu erweichen,— durch die Geſchichte meiner Leiden im Geiſte eines einzigen Unterdrückers die ſchwarzen grauſigen Bilder ſeiner eigenen Miſſethaten heraufzubeſchwören und ſeinem Gewiſſen zu lehren, ihn mit dem Bilde ſeiner ſelbſt zu foltern, ſo werde ich zufrieden ſein. Nächſt den Thränen und dem Jubel der Befreiten ſind die Gewiſſens⸗ biſſe der Tyrannen das köſtlichſte Opfer, welches auf dem Altar der Freiheit dargebracht werden kann.
Aber vielleicht iſt noch etwas Andres möglich— nicht wahrſcheinlich, doch denkbar— und vielleicht ſogar entfernt zu hoffen. Vielleicht vermag ich in einem jungen Herzen, in welchem es den böſen Geiſtern der Habſucht und der Tyrannei noch nicht gelungen iſt, eine unumſchränkte Herrſchaft zu erlangen, die erſtickten und verglimmenden Kohlen der Menſchlichkeit von Neuem zu entzünden. Trotz aller Gewohnheiten und Vorurtheile, die ihm von Kindheit an eingeimpft wurden und in denen er aufgewachſen iſt, trotz der Lockungen des Reichthums und der politiſchen Auszeichnung, und der noch ſtärkeren Verſuchungen des Müßigganges und des Wohllebens, trotz des Geſchwätzes herzloſer Prieſter, trotz der Gründe, welche wetier⸗
weendiſche Sophiſten aufſtellen, trotz des Zagens und der Angſt Kleinmüthiger
und Schwankender, trotz ſchlimmer Lehren und böſer Beiſpiele wagt es der hochherzige und heroiſche Jüngling, die Gefühle eines Mannes zu hegen
und einz n.
ſetzlicher Dinge in das Ohr des inſolenten und üppigen Tyrang en Der ſeiße Sklave. 8
Eie nruer Saul unter den Propheten, donnert er die Weiſſagunget


