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Johann Gottfried von Herder's Blumenlese aus morgenländischen Dichtern / Johann Gottfried von Herder. Herausgegeben von Johann von Müller
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Daher verlor Sina ſeine Geſetze nicht, als es er⸗ obert ward. Da Lebensart, Sitten, Geſetze und Religion bei ihnen eins und daſſelbe waren, ſo ließ ſich dieß al⸗ les nicht auf einmal ändern; und da doch Einer, ent⸗ weder der Ueberwundene oder der Ueberwinder, ändern mußte: ſo war es in Sina immer der letzte. Denn weil ſeine Lebensart und Sitten, ſeine Geſetze und Re⸗ ligion nicht eins waren, ſo ward es ihm leichter, ſich nach und nach dem überwundnen Volk, als dieſem, ſich ihm zu bequemen.

Daher auch das Chriſtenthum ſchwerlich je in Sina aufkommen wird. Die Gelübde der Jungfrauſchaft, die Verſammlungen der Weiber in den Kirchen, ihr noth⸗ wendiger Zuſammenhang mit den Dienern der Religion, ihre Theilnahme an den Sakramenten, die Ohrenbeicht, die letzte Oelung, die Heirath einer einzigen Frau, al⸗ les dieß kehrt die Lebensart und Sitten des Landes um, und ſtößt eben ſo ſehr gegen Religion und Geſetze des Reichs an. Die chriſtliche Religion durch ihr Gebot der Liebe, durch ihren öffentlichen Gottesdienſt, durch eine gemeinſchaftliche Theilnehmung an den Sakramen⸗ ten ſcheint alles vereinigen zu wollen; die Gebräuche der Sineſer wollen, daß ſich alles ſondere.

Und da dieſe Sonderung am Geiſt des Deſpotis⸗ mus hängt, ſo wird damit auch eine der Urſachen klar, warum die Monarchie oder eine gemäßigte Regierung ſich mit dem Chriſtenthum beſſer vertrage als der Deſpo⸗ tismus.