„Eine feierliche Stunde?“ fragte Juſtine, während ſie zum Klavier ſchritten.„Ach, ich werde wohl alle Tonleitern ſpielen müſſen!“ 3
„Fehlgerathen!“
Er hatte das Notenheft, das er mitgebracht, auf⸗ gelegt und aufgeſchlagen.
Ludwig van Beethoven. Drei Sonaten für Piano. Opus 2.
„Beethoven!“ rief Juſtine voll freudigen Schreckens, wie Jemand, dem ſich plötzlich die Pforten eines Hei⸗ ligthums öffnen.
„Ja, Sie ſollen zum erſten Mal Beethoven ſpielen. Ich halte es an der Zeit, daß Sie nach den Grazien auch den Dämon kennen lernen.“
Schon ſaß unſer junger Maeſtro am Klavier, und die leiſe fragend aufſteigenden Noten der F-moll⸗So⸗ nate erklangen.
Ach, dieſes ſchüchterne ſich Heben, Zurückſinken und kühnere Emporſtreben des erſten Satzes, dies fromm tröſtende Adagio, dies neue Ringen in der Me⸗ nuet, den aus Zorn und Schmerz geborenen Stolz und Adel des Schlußſatzes— wer will es, wer kann eine Tondichtung mit Worten ſchildern!
Als Ludwig geendigt hatte, ſah er im Auge ſei⸗ ner Schülerin Thränen.


