——
73
„Jetzt, in dieſer Stunde?“ rief der Alte mit Entſetzen.„Jetzt
in dieſer ſtürmiſchen Nacht? Geht nicht, Kamerad, ſo wahr ich
— nein es geht nicht, mich bringt kein Hund hinüber!“ „Bei Leibe,“ rief die Küſterin aus dem Bette und riß den Umhang zurück, daß man das ganze Paradiesgaͤrtlein ihres ge⸗ blümten Betzes überſehen konnte,„führe uns nicht in Verſuchung. Alter, laß Dich nicht bethören, wer weiß, was draußen lauert?“
„Hätte nicht geglaubt, daß Ihr, ein ſo ſtattlicher Mann, unter dem Weiberregimente ſtändet,“ ſprach der alte Diener. „Glaubt mir, es iſt auch ein Gottesdienſt, wenn Ihr mitgeht, und bringt Euch guten Lohn.“ Noch einmal wog der Küſter den Thaler auf der Fingerſpitze und ſchien ſich zu beſinnen.„Es wird zwar gleich zwölf Uhr brummen, und da iſt es gar nicht ge⸗ heuer drüben in der Kirche, denn ich weiß, was ich weiß, und habe geſehen, was ich geſehen habe, aber weil Ihr ſagt, es ſei ein Gottesdienſt, ſo kommt.“ Indem hatte er ſchon die Laterne zurecht gemacht. Er hing noch einen warmen Mantel um und er⸗ griff die gewichtigen, wunderlich geformten Schlüſſel.
„Ei du meine Güte, läßt er ſich doch verblenden vom Mam⸗ mon,“ ſeufzte die Alte im Bette. Der Küſter aber trat zu ihr mit dem größten ſeiner Schlüſſel:„Du ſchweigſt, Urſel! Der Herr da ſoll ſehen, daß unſereiner nicht unterm Pantoffel ſteht,“ brummte er und verließ mit dem Diener das Haus.
Die Nacht war grimmkalt, der Himmel jetzt ganz rein, nur einzelne dunkle Wölkchen tanzten im Wirbel um den Mond. Schwei⸗ gend ſchritten die Beiden durch die Nacht der Kirche zu. Wenige Schritte, ſo ſtanden ſie am Portal des Münſters. Der Küſter ſchrack zuſammen, als dort aus dem Schatten eines Pfeilers eine hohe, in einen dunkeln Mantel gehüllte Geſtalt hervortrat. Es war jener Fremde, der Ida's Intereſſe in ſo hohem Grade erregt hatte.
„Schließ auf, ſchließ auf,“ ſprach Martiniz,„denn es iſt hohe Zeit!“ Indem er ſprach, fing es an zu ſurren und zu klappern, dumpf rollte gerade über ihnen im Thurme das Uhrwerk, und in tiefen, zitternden Klängen ſchallte die zwölfte Stunde in die Lüfte.


