60
„Junger Mann!“ ſagte der Geächtete mit Hoheit, die nur durch den gewinnenden Ausdruck der Freund⸗ lichkeit gemildert wurde.„Ihr habt einen Freund gefunden durch Euer tapferes, ehrenvolles Weſen, durch Euren offenen, freien Blick, durch Eure warme Theilnahme an dem unglücklichen Herzog. Es ſei Euch genug, dieſen Freund gewonnen zu haben, fraget nicht weiter, ein Wort könnte vielleicht dieſes trauliche Ver⸗ hältniß zerſtören, das mir ſo angenehm iſt. Lebet wohl, denket an den geächteten Mann ohne Namen und ſeid verſichert, ehe zwei Tage vorbeigehen, ſollt Ihr von mir und meinem Namen hören.“ Es wollte Georg dünken, als ſtehe dieſer Mann, trotz ſeines unſcheinbaren Kleides, vor ihm wie ein Fürſt, der ſeinen Diener huldreich entläßt, ſo groß war jene un⸗ beſchreibliche Hoheit, die ihm auf der Stirne thronte, ſo erhaben der Glanz, der aus ſeinem Auge drang.
Der Pfeifer hatte unter dieſen Worten die Fackeln angezündet und ſtand erwartend am Eingang der Grotte; der geächtete Ritter drückte einen Kuß auf die Lippen des Jünglings und winkte ihm zu gehen. Er ging und wußte nicht, wie ihm geſchah, noch nie war ihm ein Menſch ſo freundlich nahe und doch zugleich ſo unendlich hoch über ihm geſtanden, noch nie hatte er gefühlt, wie in jenen Augenblicken, daß ein Mann, entkleidet von jeſdem irdiſchen Glanze, der das Leben ſchmückt, ſelbſt in ärmlicher Huͤlle und Umgebung eine Erhabenheit und Größe von ſich ſtrahlen könne, die das Auge blendet und das Gefühl des eigenen Ichs ſo plötzlich überraſcht und hinabdrückt. Mit dieſem


