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gut, das Einer auf ihn gemacht hat;“ ich will es ein⸗ mal ſingen.“ Die Bürger ſahen finſter vor ſich hin und ſchienen nicht ſehr begierig auf den Spottgeſang, der ihrem unglücklichen Herzog galt. Jener aber be⸗ feuchtete ſeine Kehle mit einem guten Trunk und ſang mit heißerer, unangenehmer Stimme:
Vater Unſer
Reutlingen iſt unſer;
Der du biſt in dem Himmel,
Eßlingen wölln wir bald gewinnen; Geheiligt werde dein Nam',
Heilvronn und Weil wölln wir auch han; Zu uns komme dein Reich,
Der Ulmer Bund ſieht uns keinem gleich; Dein Will geſchehe,
Die Münz' hat gexreit ein ander Gepräge; Gieb uns unſer täglich Brod,
Wir haben Geſchütz für alle Noth; Vergitb uns unſere Schuld,
Wir haben des Königs von Frankreich Huld; Ais wir vergeben unſern Schuldigern,
Wir wölln dem Bund das Maul zuſperr'n! Laß uns nicht geführt werden,
Wir wölln bald Katſer werden,
In keine Verſuchung, ſondern erlös uns von allem Uebel. Amen. So behalten wir des Kaiſers Namen.
Er ſchloß ſeinen Geſang mit einem fatalen, zittern⸗
den Schnörkel, der weiter keinen Effekt hervorbrachte, als daß die Bürger einander heimlich anſtießen und
0 Man vergleiche über dieſen Volkswitz des Freiherrn von Aretin Beiträge zur Geſchichte u. Literatur 1805. 5. Stück, S. 438. Das Lied wurde zu Anfang des Jahres 1520, nach⸗ dem Reutlingen von Herzog Ulerich genommen war, von des Pptern Feinden verhreuet und ihm in den Mund gelegt⸗
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