Teil eines Werkes 
15. Bändchen (1846) Sämmtliche Werke
Entstehung
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ſollet Ihr hier bleiben. Er ſchickt Euch hier einen Krug Wein zum Veſpern. Der Diener ſetzte den Wein auf den breiten Fen⸗

ſterſims des Zimmers, denn ein Tiſch war nicht vor⸗

handen, und verließ das Gemach.

Georg ſah ihm ſtaunend nach; er hätte dies nicht für möglich gehalten; über eine Stunde war ſchon ver⸗ ſchwunden, und noch nicht? Er griff zu dem Wein, er war nicht übel, aber wie konnte ihm in ſeiner trauri⸗ gen Einſamkeit das Glas munden?

Es iſt ein gewöhnlicher Fehler junger Leute in Georgs Jahren, daß ſie ſich für wichtiger halten, als es ihre Stellung in der Welt eigentlich mit ſich bringt. Der gereiftere Mann wird eine Beeinträͤchtigung ſeiner Würde eher verſchmerzen oder wenigſtens ſein Miß⸗ fallen zurückhalten, während der Jüngling, empfind⸗ licher über den Punkt der Ehre, leichter und ſchneller aufbraust. Kein Wunder daher, daß Georg, als er nach zwei tödtlich langen Stunden in den Kriegsrath abgeholt wurde, nicht in der beſten Laune war. Er folgte ſchweigend dem ergrauten Führer, der ihn hieher geleitet hatte, den langen Gang hin.

An der Thüre wandte ſich Jener um und ſagte freundlich:Verſchmäht den Rath eines alten Mannes nicht, Junker, und legt die trotzige, finſtere Miene ab; es thut nicht gut bei den geſtrengen Herren da drinnen.

Georg war in dem Augenblick zu wenig Herr über ſich, als daß er den wohlgemeinten Rath hätte be⸗ folgen können, er dankte ihm durch einen Händedruck,

ergriff dann raſch die gewaltige eiſerne Thürklinke, und

W. Hauffs Werke, XV. 2