Teil eines Werkes 
6. Bändchen (1846) Sämmtliche Werke
Entstehung
Einzelbild herunterladen

189

dem Schleier zuzuwedeln, jede Agnes, Hulda u. ſ. w. verwandelte ſich unwillkürlich in Amalien.

Doch auch ſie war dieſem Tribut der Sterblich⸗ keit unterworfen. Aus ihrer Sparbüchſe nämlich wur⸗ den die Romane angeſchafft. Wenn einer geleſen war, ſo empfing ich ihn, las ihn auch, trug ihn dann wieder in die Leihbibliothek, und ſuchte dort immer die Bücher heraus, welche entweder keinen Rücken mehr hatten, oder vom Leſen ſo fett geworden waren, daß ſie mich ordentlich anglänzten. Das ſind ſo die echten nach unſerem Geſchmack, dachte ich, und ſicher war es ein Rinaldo Rinaldini, ein omſchütz, ein alter überall und Nirgends, oder ſonſt einer unſerer Lieblinge.

Zu Hauſe band ich ihn dann in alte lateiniſche Schriften ein, denn Amalie war ſehr reinlich erzogen und hätte, wenn auch das Innere des Romans nicht immer ſehr rein war, doch nie mit bloßen Fingern den fetten Glanz ihrer Lieblinge betaſtet. Ehrerbietig trug ich ihn dann in den Garten hinüber und überreichte ihn; und nie empfing ich ihn zurück, ohne daß mir Amalie die ſchönſten Stellen mit Strickgarn oder einer Stecknadel bezeichnet hätte. So laſen und liebten wir; unſere Liebe richtete ſich nach dem Vorbild, das wir ge⸗ rade laſen; bald war ſie zärtlich und verſchämt, bald feurig und ſtürmiſch, ja wenn Eiferſuchten vorkamen, ſo gaben wir uns alle mögliche Mühe, einen Gegenſtand, eine Urſache für unſer namenloſes Unglück zu erſinnen.

Mein gewöhnliches Verhältniß zu der reichen Kaufmannstochter war übrigens das eines Edelknaben