Teil eines Werkes 
6. Bändchen (1846) Sämmtliche Werke
Entstehung
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Muße genug, dieſe Bemerkungen zu machen, ohne dem intereſſanten Vis⸗a⸗vis durch neugieriges Anſtarren beſchwerlich zu fallen. Der neue Gaſt ſchien übrigens noch mehre Beobachtungen zu veranlaſſen, denn von dem obern Ende der Tafel waren dieſen Abend die Bril⸗ len mehrer Damen in immerwährender Bewegung;

mich und meine Nachbarn hatten ſie über dem Mittag⸗

eſſen höchſtens mit bloßem Auge gemuſtert.

Das Deſſert wurde aufgetragen, der Direktor der vorzüglichen Tafelmuſik ging umher, ſeinen wohlver⸗ dienten Lohn einzuſammeln. Er kam an den Fremden. Dieſer warf einen Thaler unter die kleine Münzenſamm⸗ lung und flüſterte dem überraſchten Sammler etwas ins Ohr. Mit drei tiefen Bücklingen ſchien dieſer zu bejahen und zu verſprechen und ſchritt eilig zu ſeiner Kapelle zurück. Die Inſtrumente wurden aufs Neue geſtimmt.

Ich war geſpannt, was Jener wohl gewählt haben könnte; der Direktor gab das Zeichen, und gleich in den erſten Takten erkannte ich die herrliche Polonaiſe von Oſinsky. Der Fremde lehnte ſich nachläſſig in ſeinen Stuhl zurück, er ſchien nur der Muſik zu gehören; aber bald bemerkte ich, daß das dunkle Auge unter den lan⸗ gen, ſchwarzen Wimpern raſtlos umherlief, es war offenbar, er muſterte die Geſichter der Anweſenden und den Eindruck, den die herrliche Polonaiſe auf ſie machte.

Wahrlich! dieſer Zug ſchien mir einen geübten Menſchenkenner zu verrathen. Zwar wäre der Schluß unrichtig, den man ſich aus der wärmern oder kältern

Theilnahme an dem Reich der Töone auf die größere

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