Druckschrift 
John Milton und seine Zeit : historischer Roman / von Max Ring
Einzelbild herunterladen

551

Grundſätze verleugnete und verſpottete, denen es noch geſtern fanatiſch angehangen hatte, das ſeine einſtigen Lieblinge und Freunde jetzt mit Koth bewarf. Eine Thräne des Unmuths und der gerechten Ent⸗ rüſtung zitterte in den Augen des Dichters, als er fortfuhr:

Wenn dieſem Allen ſie entgehn, ſo beugſt In Armuth du mit Krankheiten ſie nieder, Suchſt mit Gebrechen ſie im Alter heim; Mit Leiden, die ſonſt nur die Strafe Des laſterhaften Lebenswandels ſind. Gerecht' und Ungerechte ſcheinen ſo Gleich elend, denn oft nehmen beide Daſſelbe ſchlechte Ende. Doch ſo verfahre nicht mit dieſem, der Dein ruhmgekrönter Held einſt war, Das Abbild deiner Stärke und Der Diener deiner Macht. Doch warum fleh' ich dies? Wie biſt du ſchon mit ihm verfahren?

8 Schau' ihn in ſeinem Elend an, Und wende, wenn du kannſt, ſein Leiden Friedvollem Ende zu.

8

Während Milton die Verſe ſprach, welche ſein eigenes Schickſal in der Perſon Simſow's beklagten, rauſchte der kalte Wind in den ent⸗ laubten Bäumen und begleitete mit ſeinen melancholiſchen Tönen die traurigen Worte. Der Sommer war bereits zu Ende, die Felder ab⸗ gemäht, die Blumen abgeblüht, der frohe Geſang der Vögel verſtummt. Ringsumher herrſchte ein tiefes, banges Schweigen. Die ſcheidenden Strahlen der bleichen Sonne beleuchteten das graue Haupt des Dich⸗ ters und ſein blaſſes, eingefallenes Geſicht. Er war alt und krank eworden; elend und blind ſaß er da, ein gebrochener Held, wie ſein

2

Simſon; aber in ſeinem Innern lebte noch der muthige Geiſt der

ſein Gedicht bis zu Ende. In angreifenden Verſen ſchilderte er am Schluſſe die Rache, welche der geblendete Simſon an ſeinen Feinden nahm, wie der Held mit gewaltigen Händen an den Pfoſten[des Hauſes rüttelte, in welchem ſeine Widerſacher ſchwelgten, und das

Poeſie, die unerſchöpfte Kraft der Seele. Ohne Schwäche recitirte er