Erſtes Kapitel. Mariens Leid.
Auf Burg Oltingen an der Aar, dem Sitze des Amtmanns und Vogts, Ritter Wilibald von Stein, herrſchte ein mehr als gewöhnlich reges oder feſt⸗ liches Leben. Die Schloßkapelle war geſchmückt, ſämmtliche Burgmannen und Knechte hatten einen Feiertag. Niemand arbeitete, und überall ſah man ſonntägliche Kleider, auch bei den weiblichen Ein⸗ wohnern der Burg, unter denen es mehr als eine recht preiswürdige und ſchmucke Dirne gab. Sie alle mußten ſich aber in Anbetracht der Schönheit verſtecken gegen die edle und hohe Maid, welche ſo eben, im Gemache der Burgfrau ſelbſt und von deren eigenen Händen auf das Beßte und Sorgfältigſte geſchmückt, den Myrthenkranz durch das Haar ge⸗ flochten erhielt. Auf einer kleinen Fußbank kniete
v. Heeringen, der Kaufmann von Luzern. II. 1


