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hereingegangen, hatte getrunken, hatte mich einſchlie⸗ ßen laſſen, da war—; voll Grauen ſchaute ich um mich, denn alle, alle Erinnerungen erwachten mit ei⸗ nemmal. Wenn der geſpenſtige Balthaſar noch in der Ecke ſäße, wenn die Weingeiſter noch um mich ſchweb⸗ ten! Ich wagte verſtohlene Blicke in die Ecken des dü⸗ ſteren Zimmers, es war leer. Oder wie? Hätte dies alles mir nur geträumt?
Sinnend ging ich um die lange Tafel: die Probe⸗ fläſchchen ſtanden, wie jeder geſeſſen hatte. Obenan die Roſe, dann Judas, Jakobus,— Johannes, ſie alle an der Stelle, wo ich ſie leiblich geſchaut hatte dieſe Nacht.„Nein, ſo lebhaft träumt man nicht,“ ſprach ich zu mir.„Dies alles, was ich gehört, ge⸗ ſchaut, iſt wirklich geſchehen!“ Doch nicht lange hatte ich Zeit zu dieſen Reflexionen. Ich hörte Schlüſſel raſ⸗ ſeln an der Thüre, ſie ging langſam auf, und der alte Rathsdiener trat grüßend ein.
„Sechs Uhr hat es eben geſchlagen,“ ſprach er. „Und wie Sie befohlen, bin ich da, Sie heraus zu laſ⸗ ſen. Nun,“ fuhr er fort, als ich mich ſchweigend an⸗ ſchickte, ihm zu folgen;„nun und wie haben Sie ge⸗ ſchlafen dieſe Nacht?“
„So gut es ſich auf einem Stuhl thun läßt, ziem⸗ lich gut.“
„Herr,“ rief er ängſtlich und betrachtete mich ge⸗ nauer.„Ihnen iſt etwas Unheimliches paſſirt dieſe
Nacht. Sie ſehen ſo verſtoͤrt und bleich aus, und Ihre Stimme zittert!“


