22 hereinwehen muß, der die köſtliche Einſamkeit ſtört,“ unterbrach ſie Rantow.
„Im Ganzen genommen,“ fuhr ſie fort,„iſt es im Schloß gerade auch nicht geräuſchvoll. Es iſt ſo einſam als irgend ein bezaubertes Schloß in Tauſend und eine Nacht. Außer der Dienerſchaft und im hintern Flügel dem Amtmann, den man nie zu ſehen bekömmt, ſind wir, der Vater und ich, die einzigen Bewohner; ja die Einſamkeit im Schloß iſt oft ſo ſchrecklich und traurig, daß ich mich lieber in die Waldeinſamkeit flüchte, wo das Rauſchen der Bäume und der Geſang der Vögel doch noch einiges Leben verkünden.“
3.
Ueberraſcht ſtand der junge Mann ſtille, als ſie aus dem dichten Holz durch eine Wendung des Weges auf einmal dem Schloß gegenüberſtanden. Die Bewohner des ſüdlichen Deutſchlands ſind von Jugend auf an Anblicke dieſer Art gewöhnt. Man trifft in Franken und Schwaben ſelten ein Thal von der Länge einiger Stun⸗ den, in welches nicht eine Burg oder zum mindeſten ein gebrochener Thurm und ein halbes Thor herabſchauten. Die natürliche Beſchaffenheit des Landes, die vielen Berge und kleinen Flüſſe, überdies die eigenthümliche Verfaſſung des zahlreichen Landadels begünſtigten oder nöthigten in früherer Zeit zu dieſen befeſtigten Woh⸗ nungen. Aber der Norden unſeres Vaterlandes trägt weniger Spuren dieſer alten Zeit; die weiten Ebenen boten keine ſo natürliche Befeſtigung, wie die Felſen und Gebirgsausläufer des Süden, und hatte auch hier


