191
ihren Schmerz zu übertäuben. Wenn nach den Geſetzen der Natur das Weſen in uns zu derſelben Zeit ver⸗ ſchiedentlich beſchäftigt ſein könnte, wenn es möglich wäre, in dem nämlichen Moment in dem Herzen ſo ganz anders zu fühlen, als man oben, hinter den Au⸗ gen denkt, ſo müßte Eliſens Seele in dieſer Stunde nach verſchiedenen Richtungen ſich getheilt haben. Im Hintergrund ihres Herzens flüſterten tiefe, wehmüthige Töne die Erinnerung einer ſchönen Zeit, ſie ſangen in klagenden Weiſen jene Tage, wo Eliſe auf der erſten Stufe der Jugend das Auge des Geliebten verſtand. In volleren Akkorden rauſchten dieſe Erinnerungen, als ſie von Stunden ſeliger Liebe, von Trennung und der Wonne des Wiederfindens ſprachen.„Verloren, verloren durch ſeine eigene Schuld!“ weinte dann ihre Seele.„Untergegangen ein ſo großer, ſchöner Geiſt, in Leichtſinn und Niedrigkeit!“ Doch dieſe Gefühle ſchlichen nur gleich Schatten vorbei. Sie ſuchte mit aller Gewalt des Geiſtes den Blick von dieſen Erinne⸗ rungen abzuwenden, ſie dachte an das ruhige, klare Weſen ihres zukünftigen Gatten. Sein beſcheidenes und doch ſo würdiges Betragen, ſeine reine Herzens⸗ güte. Sie rief ſich dies Alles hervor, ja ſie verſuchte zu lächeln, um freundlichere Gefühle dadurch zu erringen, aber— es gelang ihr, ruhig, doch nicht heiter zu werden.
Der Putz war vollendet, ſie richtete ſich vor dem hohen Spiegel auf, und die Freude an ihrer eigenen hübſchen Geſtalt verdrängte auf Augenblicke jene düſte⸗ ren, wehmüthigen Bilder.„Nein, und wenn er noch ſo proper angethan wäre,“ ſagte in dieſem Augenblick


