Teil eines Werkes 
2. Bd. (1850)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

229

liebten Mädchen Aufklärungen über mein Unglück geben; wenn ſie Dich auch nicht liebt, dachte ich traurig, ſo iſt ſie doch Deine Verwandte und wird ſchon darum An⸗ theil an Dir nehmen; ich hatte früher einmal an der Thüre einen Schlüſſel gefunden, doch ehe ich ihn her⸗ vorſuchen und aufſchließen konnte, hatte Emma ihr Zim⸗ mer ſchon wieder verlaſſen.

Stunde um Stunde verging, wenn auch entieplich langſam, aber ich hörte doch die Viertel⸗ und ganzen Stunden ſchlagen, es fing an zu dunkeln, der Himmel, der ſich aufgeklärt hatte, erſchien tief blau und das Funkeln der Sterne, die nach und nach ſichtbar wurden, zeigten mir an, daß es kalt würde, ich fühlte nichts da⸗ von, mir war nicht warm aber ich fror auch nicht. Mein einziger Wunſch war, der Doktor möge kommen und ich ſchaute auf die Straße und blickte ſehnſüchtig jeden Menſchen an, der ſich dem Hauſe näherte. Jetzt verließ ich das Fenſter wieder, ging an die Thür und lauſchte, ob Niemand die Treppen heraufkäme. Der Doktor konnte ja dicht bei den Häuſern vorbei und ins Haus gegangen ſein, ohne daß ich ihn bemerkt hatte. Eitle Hoffnung! im Hauſe war es todtenſtill, kein Tritt auf der Treppe hörbar, doch jetzt, halt! ſtieg Jemand hinauf. Ich weiß nicht, warum ich im Augenblick von der Thür wegging und mich auf meinen Koffer ſetzte, der in einer Ecke zwiſchen meinem Kleiderſchrank und

88